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Berkano

Die Birke, Wachstum, Geburt

WachstumNeubeginnFürsorge

Was die Rune dir sagt

Berkano ist die erste Birke nach dem Eis. Sie zeigt: etwas will geboren werden. Gib ihm Luft, gib ihm Zeit — doch zupfe nicht am grünen Halm, damit er schneller wachse.

AusspracheBER-ka-no (ungefähr „ber-ka-noh")
Lautwertb

Herkunft & Etymologie

Der Name geht auf das urgermanische *berkanan zurück — „Birke". Im Altnordischen heißt es björk, im Altenglischen beorc, im Althochdeutschen bircha. Der Wortstamm ist mit dem indogermanischen *bʰer- („leuchtend, weiß") verwandt — daher das deutsche „bright" (englisch) und „braun" (in der ursprünglichen Bedeutung „glänzend").

Die Birke (Betula) ist der erste Baum, der nach der Eiszeit Mitteleuropa wieder besiedelte. Sie ist Pioniergehölz: dort, wo nichts mehr wächst — auf Brandflächen, in Mooren, an steinigen Hängen — schickt sie als Erste ihre Saat. Ihr weißer Stamm leuchtet schon im März, lange bevor andere Bäume Blätter haben. Aus diesem Grund war sie in der germanischen Welt der Baum der Geburt, des Frühlings, der Wiederkehr.

Die Form der Rune (ᛒ) zeigt zwei nebeneinanderliegende Bögen — wie zwei Brüste oder ein schwangerer Bauch im Profil. Die Lesung als „Geburtsrune" ist also nicht nur Bedeutung, sondern bildhaft eingeschrieben.

Erste Entdeckung

Berkano erscheint im Vimose-Futhark (ca. 160 n. Chr.) und im Stein von Kylver (ca. 400 n. Chr.). Auf zahlreichen frühen Schmuckstücken — Fibeln, Ringe, Brakteaten — ist sie als Schutzrune für Frauen und Neugeborene zu finden.

In der Sigrdrífumál (Lieder-Edda, Strophe 9) lehrt die Walküre Sigrdrífa Sigurd: „Bjargrúnar skaltu kunna, ef þú bjarga vilt ok leysa kind frá konum" — „Bjarg-Runen [Berge-/Geburts-Runen] sollst du kennen, wenn du retten willst und das Kind aus der Frau lösen". Sie sollten auf die Handflächen geritzt werden und „auf die Glieder gespritzt"; auch die Disen, die Schutzgeister, anzurufen. Hier wird Berkano namentlich (über bjarg-) als Geburtshilfe-Rune genannt.

Im jüngeren Futhark der Wikingerzeit blieb sie unverändert. Auf den Bryggen-Stäbchen erscheint sie häufig in Liebesbriefen und Ehe-Notizen. Im isländischen Galdrabók (16. Jh.) ist sie Bestandteil von Geburtsschutz-Formeln und Heilungs-Sigillen für Mütter und Kinder.

Götter & Mächte

Berkano gehört zu Frigg, der Königin der Asen, Göttin der Mutterschaft, der Ehe und des heiligen Hauses. In Grímnismál (Lieder-Edda) wird Friggs Halle Fensalir („Saaltsumpf") genannt — ein feuchter, fruchtbarer Ort. Sie ist Mutter Baldrs, des schönsten Gottes, und ihr Schmerz nach seinem Tod ist eines der ergreifendsten Bilder der Edda. Frigg ist die Gestalt, die das Leben hütet, weiß, was kommen wird, und doch nicht abwenden kann, was geschehen muss.

Neben Frigg gehört Nerthus zur Rune — die alte germanische Erdgöttin, deren Wagen-Prozession Tacitus in Germania 40 beschreibt (siehe Jera). Auch Holda/Frau Holle/Berchta in den späteren deutschen Volkssagen — drei Namen für ein und dieselbe Erd- und Geburts-Göttin, die mit Spinnrad und Birkenruten dargestellt wird, die Fenster der Häuser im Winter öffnet, um den Schnee zu schütteln. Die Birke ist ihr Baum.

Und schließlich Idun, die Göttin der Jugend, deren goldene Äpfel die Götter verjüngen. Sie ist die ewige Frühlingsfrau — und gehört in den Kreis der Birke, die das ewige Versprechen des Wiederkommens hält.

Bedeutung im Detail

Berkano ist die Rune der Geburt — wörtlich und übertragen. Sie steht für jeden Anfang, der aus einem Inneren entspringt: ein Kind, ein Werk, eine Idee, eine Liebe. Anders als Fehu (das beginnt von außen, durch Erwerb) kommt Berkano von innen, durch Tragen und Gebären. Sie ist die mütterliche Rune.

Die alten Runenmeister verstanden Berkano als die Rune der Pflege. Geburt ist nur der Anfang — danach beginnt das Hüten, das Säugen, das Wachsen-Lassen. Wer Berkano zieht, soll wissen: das, was beginnt, will Aufmerksamkeit. Reiße nicht am grünen Halm, nur damit er schneller wachse. Nicht jede Mutter ist eine Frau — auch Werke, Projekte, Beziehungen brauchen eine mütterliche Hand.

In der modernen Deutung steht Berkano für: Anfang, Schwangerschaft, Familie, Geburt, Heilung, Fürsorge, langsames Wachstum. Aber auch für die Ehrfurcht vor dem, was noch klein ist. Der weiße Birkenstamm leuchtet im Wald — gerade, weil er allein steht. Berkano lehrt: nicht alles, was klein ist, ist unwichtig.

Mythos & Saga

Die zentrale Geburts-Geschichte der Edda ist die Geburt der drei Stände aus Heimdalls Reisen (Rígsþula). Heimdall — verkleidet als Wanderer Rígr — besucht drei verschiedene Häuser, schläft drei Nächte zwischen Mann und Frau, und neun Monate später werden die drei sozialen Stände geboren: Þræll (Knecht), Karl (Bauer), Jarl (Edler). Die ganze Welt wird also aus Geburten zusammengesetzt, und jeder Stand trägt sein eigenes Berkano.

Die zweite Geschichte ist Frigg und Baldrs Tod (Gylfaginning Kapitel 49). Frigg, als Baldr von Albträumen heimgesucht wird, geht zu allen Dingen der Welt — Eisen, Steinen, Krankheiten, Tieren, Pflanzen — und lässt sie schwören, Baldr nicht zu schaden. Nur die kleine Mistel überspringt sie, weil sie ihr zu jung erscheint. Aus dieser Lücke wirft der blinde Höðr — von Loki angestiftet — einen Mistelpfeil, und Baldr fällt. Frigg, die alle Liebe und alles Schicksal kennt, verliert ihren Sohn, weil sie der Jugend einer Pflanze nicht traute. Das ist Berkano in Tragik: das Kleine, das vernachlässigt wird, wird zum Schicksal.

In den späteren skandinavischen Volkssagen ist die Birke das Bett, in dem die „Hulda" oder „Frau Holle" wohnt — Mutter aller noch ungeborenen Kinder. Wenn Mütter im Winter ihre Kinder zur Welt brachten, banden sie eine Birkenrute über die Tür, damit Frau Holle das Kind sähe und ihm günstig sei.

Und in den Sagen der finnischen und sami-Nachbarn der Germanen war die Birke der Baum, an dem die ersten Menschen geboren wurden. Diese Verflechtung — germanisch, finnisch, slawisch — zeigt: Berkano ist eine paneuropäische Rune des Anfangs.

Historische Verwendung

Berkano wurde auf Wiegen, Kinderbettpfosten, Mütterstühle und Hochzeitsringe geritzt. Auch auf Geburts-Stäbchen, die Hebammen während der Geburt in den Händen hielten — als Anrufung der Disen und Frigg.

In vielen germanischen Stämmen war es Brauch, am Tag der Geburt eines Kindes eine junge Birke zu pflanzen — als „Lebensbaum" des Kindes. Wenn der Baum gut wuchs, wuchs auch das Kind gut. Im skandinavischen Volksglauben war es bis ins 19. Jh. üblich, neugeborenen Kindern Birkenzweige unters Kissen zu legen.

Die Birke spielt auch in der angelsächsischen Heilkunde eine Rolle: das Lacnunga-Manuskript (10. Jh.) beschreibt mehrere Charms gegen Frauenleiden, in denen Berkano oder das Wort beorc namentlich erscheint. Im Galdrabók (16. Jh.) sind mehrere Geburtsschutz-Sigillen mit Berkano im Zentrum.

Aus dem alten Runengedicht

Beorc byþ bleda leas, bereþ efne swa ðeah tanas butan tudder, biþ on telgum wlitig, heah on helme hrysted fægere, geloden leafum, lyfte getenge.

„Die Birke ist ohne Frucht, doch trägt sie ebenso Zweige ohne Saat — sie ist mit ihren Ästen schön, hoch in der Krone herrlich geschmückt, voll im Laub, dem Himmel nahe."

Quelle: Altenglisches Runengedicht, ca. 8.–10. Jh.

Deutung beim Orakel

Aufrecht: Etwas wird geboren — ein Kind, ein Werk, eine Beziehung, eine neue Lebensphase. Auch: Heilung, Wachstum, Familie, Fürsorge. Berkano sagt: Was jetzt anfängt, will mit Geduld geführt werden. Reiße nicht am Ergebnis. Pflanze, gieße, lass die Wurzeln greifen.

Umgekehrt: Etwas, das beginnen wollte, gelingt nicht oder wird abgebrochen. Auch: Vernachlässigung von etwas Kleinem, das später groß wird. Ungeduld in der Mutterschaft (im weiten Sinn). Manchmal: ein Werk, an dem du arbeitest, leidet, weil du es nicht in Ruhe wachsen lässt.

Symbol
NameBerkano
AettAett 3
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