Die zentrale Wyrd-Geschichte der Edda ist Baldrs Tod (siehe Berkano, Perthro). Frigg kennt das Schicksal ihres Sohnes; alle Götter kennen es; sie nehmen jeder Substanz der Welt einen Eid, Baldr nicht zu schaden. Doch die Mistel wird vergessen, Loki entdeckt die Lücke, der blinde Höðr wirft den Pfeil, Baldr fällt. Die Götter haben alles getan, was sie tun konnten — und es war nicht genug. Wyrd ist nicht stumpfer Fatalismus; sie ist das, was nach allem menschlichen Bemühen übrig bleibt.
Die zweite Geschichte ist Vǫluspá selbst — die „Weissagung der Seherin", das erste und größte Gedicht der Lieder-Edda. Eine namenlose Völva, von Odin durch Galdr beschworen, erzählt die ganze Geschichte der Welt: Schöpfung aus dem Eis, Aufstieg der Götter, der Æsir-Vanen-Krieg, der Mord an Baldr, Lokis Bindung, der Fimbulvetr (siehe Hagalaz), Ragnarök, schließlich die neue Welt, in der Baldr wiederkommt. Die ganze Erzählung ist Wyrd — der Faden vom Anfang bis zum Ende, gewebt aus Notwendigkeit und Freiheit zugleich. Am Schluss sagt die Völva: „Nú mun hon søkkvask" — „Nun wird sie versinken." Sie kehrt zurück in die Tiefe. Die leere Rune übernimmt.
In der Hávamál Strophe 84 sagt Odin: „Meyjar orðum skyli manngi trúa, né því er kveðr kona; þvíat á hverfanda hvéli vóru þeim hjǫrtu skǫpuð, brigð í brjóst of lagit" — „Den Worten der Frau soll niemand trauen, noch dem, was eine Frau sagt; denn auf einem drehenden Rad wurden ihre Herzen geformt, Wandel ihnen in die Brust gelegt." Eine herbe Strophe — aber sie spricht ein altes Wyrd-Bild an: das drehende Rad, an dem Schicksal und Untreue beieinander wohnen. Wyrd ist nicht starr; es dreht sich.
Und in Beowulf (Vers 455) heißt es einfach: „Gæð a wyrd swa hio scel" — „Das Schicksal geht immer, wie es muss." Eine ganz nüchterne, fast germanische Erkenntnis: Du machst, was du kannst. Den Rest dreht das Rad.